1. April 2016

Es ist wieder an der Zeit, sich zu empören!

Diesen Montag tritt einer der schmutzigsten Deals in der Geschichte der EU-Fluchtbekämpfung in Kraft. Geflohene Menschen sollen kollektiv in die Türkei abegschoben werden. Angela Merkel hat das Abkommen massgeblich vorangetrieben. Ein Höhepunkt der Paradoxie in dem zynischen Schauspiel an Europas Grenze.

Er soll "das Ende der Flüchtlingskrise in Europa" sein: Der Deal der EU mit der Regierung Erdogan, wonach ab dem 4. April 2016 Flüchtlinge kollektiv aus Griechenland in die Türkei zurückgeschoben werden können. Sogar UN-Generalsekretär Ban Ki Moon betrachtet ihn mit "tiefer Besorgnis". Vorangetrieben wurde das Abkommen ausgerechnet von der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Doch diese scheinbare Widersprüchlichkeit hat in der EU-Grenzpolitik System.

8. Dezember 2015

11 Tote vor den kanarischen Inseln - 172 Flüchtlinge gelangen nach Spanien

Mindestens 11 Personen ertranken heute rund 140km südlich von Boujdour, Westsahara, auf dem Weg zu den Kanarischen Inseln. Gleichzeitig gelang es am Sonntag und Montag instesamt 98 Personen aus subsahara Afrika, die spanischen Inseln im Atlantik zu erreichen. Weiter schafften es am Sonntag 59 Personen, darunter 14 Frauen und 7 Kinder, auf der Höhe von Motril auf das spanische Festland und 15 Personen gelang gestern Montag die Flucht in einem Schlauchbot in die spanische Exklave Ceuta.

24. November 2015

In Gedanken an Marcelle Hermine Ngidoule (1976-2015)




Sie werden sie in ein Tuch gewickelt und in die Erde gelegt haben. Ein Pastor wird den Segen gesprochen haben, auf dass sie in Frieden ruhen möge, in einer Welt, in der es keine Schmerzen gibt und kein Elend. Sie werden sich von ihr verabschiedet haben wie von so vielen schon vor ihr, und so vielen noch nach ihr. So viele, welche sie in der Wüste zurückgelassen hatten, welche das Meer verschluckte, welche die Schläge der Grenzwächter niederstreckten, welche das Gift der Vergewaltigungen dahinraffte. Sie werden ihre Seele Gott übergeben haben und ihren Körper der Erde dieses fremden Landes, in dem sie alle gestrandet sind. Sie werden niemanden beschuldigt haben. Wo es doch nur Schuldige gibt.

25. Oktober 2015

"Die Grenze zur eigenen Erfahrung machen"




Ein ausführliches Gespräch zum Buch im Leipziger Uniradio mephisto 97.6. Mit herzlichem Dank an Fanny Kniestedt für die Redaktion und Maja Fiedler für die Moderation. Den Artikel dazu gibts ausserdem hier: http://mephisto976.de/news/die-grenze-zur-eigenen-erfahrung-machen-52330

19. Oktober 2015

Lizenz zum Töten und EU-Milliarden für Diktatoren

Bekritzeltes Stopp-Schild in Casablanca, Marokko
Der Einsatz von Gummigeschossen sei „legitim“ und die Beamten dazu „gezwungen“ gewesen. Damit hat das zuständige Gericht in der spanischen Exklave Ceuta vergangenen Samstag die Klage gegen 16 Beamten der paramilitärischen Guardia Civil abgelehnt.

Am 6. Februar 2014 starben mindestens 15 Menschen im Meer vor Ceuta, als hunderte Personen versuchten, schwimmend die Exklave zu erreichen, und von Grenzbeamten mit Gummigeschossen und Tränengas attackiert wurden. Rund 25 Personen werden seither vermisst. Überlebende des Massakers haben mit Hilfe von Anwälten ein Verfahren gegen die schießenden Grenzbeamten angestrengt. Dieses wurde nun, anderthalb Jahre später, vom zuständigen Gericht abgelehnt.

8. Oktober 2015

Marokko: Polizei schiebt Reisende wieder in die Wüste ab!



Mehrere hundert Menschen wurden in den vergangenen Tagen in den Wäldern vor Ceutas Grenzzaun bei brutalen Razzien von marokkanischen Sicherheitskräften verhaftet und laut Beobachtern im Süden des Landes in der Wüste ausgesetzt. Zwei  Eine Gruppe von rund 80 Personen sei viele Kilometer südlich der Stadt Tiznit ausgesetzt worden und von dort zu Fuss nach Tiznit gegangen. Sie verbrachten vier Tage ohne etwas zu Essen. Insgesamt seien über 200 Personen verhaftet und in den Süden abgeschoben worden. Zahlreiche Personen seien bei den Razzien zum Teil schwer verletzt worden. Frauen wurden bedroht und mit Stöcken geschlagen. Den Reisenden wurden Geld, Handys etc. weggenommen. 

4. Oktober 2015

"Wir sind passive Kriminelle geworden"




Eine sehr berührende Rede von Azarias Zacharias Lumbela bei der Entgegenname des Aachener Friedenspreises im September 2015. Azarias begleitete mich während meinen Recherchen im Frühjahr 2013 in Oujda (im Buch ab S. 181):

"Im Angesicht der Dürre muss der Mensch forgehen. Im Angesicht des Krieges seine Heimat verlassen. Angesichts der Ungerechtigkeit, der Hungersnot, haben die Menschen keine andere Wahl, als wegzugehen. Einem Menschen, meine Damen und Herren, der sich in solch einer Lage befindet, zu sagen, "bleib wo du bist und warte ab", das sollte als krimineller Akt angesehen werden. Wir sind passive Kriminelle geworden. Denn wir lassen zu, dass das Meer für uns tötet. Wir bezahlen unsere Nachbarn, dass sie für uns foltern. Und wir lehnen uns im Sessel zurück und schauen zu."

13. September 2015

Grenzrealitäten in Zeiten der „Flüchtlingskrise“

Wir über den Wolken, und unter uns der Krieg.


Leise rauscht die Lüftung über dem tiefen Vibrieren der Düsenmotoren. Von den Bildschirmen an den Rückenlehnen flackern Filme. Neben mir sitzt ein älterer Herr und erzählt mir davon, was gerade ganz Deutschland beschäftigt: Flüchtlinge. Die hunderttausenden, die da kommen, und die man nicht will.

Zwei Jahre sind vergangen, seit ich in Marokko die Protagonisten dieses Buches traf und deren Erzählungen aufzeichnete. An der Situation vor Europas Grenze hat sich wenig geändert. An deren öffentlichen Wahrnehmung viel. Unter uns zieht Land vorbei. Wir fliegen über alle Grenzen hinweg. Über München und Wien, in achttausend Meter Höhe an Budapest vorbei. Da unten irgendwo ist Mazedonien mit seinem Ausnahmezustand, Soldaten und Stacheldraht gegen Flüchtlinge. Da ist das Mittelmeer mit seinen Toten.

8. September 2015

Lesungen im Herbst 2015


Diesen Herbst bin ich mit einer Lese-Tour unterwegs in Deutschland, Schweiz und Österreich. Ich freue mich sehr, euch zu treffen! Hier sind die Daten:

3. September 2015

Azarias & Freunde erhalten den Aachener Friedenspreis 2015

Azarias, der mich in Oujda begleitete (S. 181 ff), erhält zusammen mit zwei weiteren Studenten aus Oujda den Aachener Friedenspreis 2015 für deren mutige Unterstützug gestranteter Menschen an der marokkanisch-algerischen Grenze. Ganz herzliche Gratulation!

Einen ausführlichen Bericht dazu lieferte die Deutsche Welle: www.dw.com/de/aachener-friedenspreis-geht-an-afrikanische-initiativen/a-18688598

28. Juli 2015

Giresse ist auf der anderen Seite!

Nach zwei Wochen im Wald von Beljounech gelang Giresse letzten Donnerstag die Flucht nach Ceuta. In einem Zodiac, einem kleinen Schlauchboot, umschiffte er zusammen mit 14 weiteren Flüchtlingen die Grenze der spanischen Enklave. Der junge Schriftsteller aus dem Kongo beendete „Am Fusse der Festung“ mit seinem Gedicht über die Hoffnung. Und hat es nun als erster Protagonist des Buches und einziger seiner Familie eine Etappe weiter geschafft. Zu diesem Anlass veröffentliche ich hier die gesamte Erzählung seiner Flucht, welche aus Platzgründen im Buch weggekürzt wurde.

13. Juli 2015

Tanger: Flüchtlinge werden aus Häusern vertrieben

„Das Leben in Tanger ist hart geworden“, schrieb mir Ebrima soeben in einer kurzen E-Mail. „Ich schlafe seit drei Tagen auf der Straße, viele Menschen sind hier obdachlos.“ Anfang Monat räumte die Marokkanische Polizei die von Flüchtlingen bewohnten leerstehenden Häuser in Tangers Vorort Boukhalef (siehe Am Fuße der Festung, S. 202). Ein junger Mann kam dabei in Folge der Polizeigewalt ums Leben und ein weiterer wurde schwer verletzt. Rund vierhundert Menschen wurden verhaftet und in verschiedene Städte im Süden des Landes abgeschoben.

12. Juli 2015

Moussa ist zurück!

Nach fast einem Monat unterwegs in Mauretanien und Mali ist Moussa wieder in Rabat angekommen, zusammen mit einer schweren Ladung Honig und Palmöl aus Westafrika – beides in Marokko sehr gefragte Produkte, welche er in Mali mit dem Erlös aus dem Arganöl-Handel kaufte. Auch wenn diese erste Reise alles andere als reibungslos gelaufen sei, habe er sich sehr gefreut, dass sie zustande gekommen ist, und er bedankt sich ganz herzlich bei allen, welche dies für ihn möglich gemacht hatten. „Ich habe ein echtes Abenteuer durchlebt, aber alles in allem hat es mir erlaubt, viele Dinge zu sehen und viele Menschen kennenzulernen“, schrieb er mir soeben auf Facebook. Er habe vieles daraus gelernt und werde sich nun daran machen, die Produkte zu verkaufen, um dann eine Bilanz zu ziehen und zu sehen, ob sich das Unternehmen gelohnt hat und er es weiterführen wird. Ich halte euch auf dem Laufenden.

22. Mai 2015

Moussa startet ein hoffnungsvolles Unternehmen

Nach Jahren der Perspektivlosigkeit in Rabats Armenviertel startet Moussa ein kleines Unternehmen als Arganöl-Händler. Der junge Ivorer erzählte in „Am Fusse der Festung“ die tragische Geschichte seiner Flucht nach Marokko, wo er an Europas Grenze strandete. Dank der Unterstützung von Leserinnen und Lesern des Buches kann er nun wieder etwas hoffnungsvoller in die Zukunft blicken.

20. Mai 2015

Update aus Marokko zur aktuellen Lage

Die EU propagiert gegenwärtig vor allem eine Strategie, um das Sterben im Mittelmeer zu verhindern: Die Verlagerung des Grenz-Massakers vom Meer in die Wüste. Genau die Strategie, welche die Schicksale hervorrief, von denen „Am Fuße der Festung“ berichtet.

Der EU-Migrationsbeauftragte Dimitris Avramopoulos wird nicht müde, eine verstärkte Kooperation der EU mit ihren südlichen Nachbarn zu fordern. Länder wie Marokko, Tunesien, Libyen und Ägypten sollen mit den „Werkzeugen“ Nachbarschaftspolitik, Entwicklungshilfe und Handelsabkommen in Europas Kampf gegen Flüchtlinge eingespannt werden (www.moroccoworldnews.com/…/morocco-key-player-migration-man…). 

Die Strategie bewirkte in Marokko zwar, dass das Königreich seine Migrationspolitik änderte und seither versucht, nach außen einen fortschrittlichen und menschenrechtskonformen Umgang mit Flüchtlingen zu demonstrieren. Auch erhielten einige Protagonisten des Buches mittlerweile eine marokkanische Aufenthaltsbewilligung, welche sie vor willkürlichen Verhaftungen schützt. An ihrem schwierigen Alltag in Marokko hat sich dadurch jedoch nichts geändert.

Denn entgegen der von vielen Medien übernommenen Propaganda, gehen mit einer bloßen Arbeitsbewilligung keine tatsächlichen Arbeitsmöglichkeiten einher. Die verbreitete Arbeitslosigkeit und der anhaltende Rassismus zwingen auch regularisierte Migranten dazu, zu Betteln oder ohne vertragliche Absicherung in Callcenters und auf Baustellen hart und schlecht bezahlt das Notwendigste zum Überleben zu verdienen.

Weiter geht auch die Militärgewalt gegen Flüchtlinge, welche versuchen, die Grenzzäune von Ceuta und Melilla oder die Meeresenge von Gibraltar zu überwinden. Und nach wie vor werden regelmäßig Camps in den Wäldern gewaltsam geräumt sowie Zelte und Kleider von Flüchtlingen verbrannt. Betroffen sind auch Frauen und Kinder (z.B. Bolingo, Nador, 30. April 2015).

Wie zerbrechlich die Fassade der „positiven Migrationspolitik“ in Marokko ist, zeigt auch die jüngste Strafanzeige des Königreiches gegen die marokkanische Zeitung Akhab Al Yaoum: Diese habe „unbegründete Behauptungen“ publiziert, welche Marokkos „Reputation unterminiere“. Die fragliche „Behauptung“: „3500 Menschen ertranken zwischen 2000 und 2013 vor der Marokkanischen Küste“. Eine Zahl, die sich auf Medienberichte stützt, welche die Datenbank „The Migrant Files“ zusammengetragen hat (www.moroccoworldnews.com/…/moroccos-interior-ministry-sue-a…).